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Wunschzettel 2

DEN Wunschzettel von neulich habe ich nur in wenigen Punkten zitiert. Aber ich sehe, dass ich doch noch über zwei weitere Wünsche sprechen muss. Muss? Ja, da besteht dringender Mitteilungs- und auch Handlungsbedarf.
1. Der Prozess um die Vergewaltigung von Gisèle Pelicot ist gerade zu Ende gegangen, 51 Männer wurden verurteilt. Ihr habt es sicher über die Medien mitbekommen. Was für ein Abgrund an Menschenverachtung ist da sichtbar geworden! Und leider ist das die Spitze eines Eisberges: Krimineller, organisierter Missbrauch von Frauen ist weiter verbreitet, als sich die Meisten von uns vorstellen konnten. Das Internet macht möglich, dass das international vernetzt stattfindet, dass da eine große Zahl von Männern mitmachen.
Man hat ja schon vor einiger Zeit gehört, dass es im Internet Hassforen gibt, in denen Männer sich aggressiv und menschenverachtend über Frauen auslassen und schlimmste Fantasien austauschen… Auch hier zeigt sich, dass Worten irgendwann Taten folgen können. Das alles ist Ausdruck einer grundsätzlich frauenfeindlichen Haltung, die die Männerherrschaft über Frauen stärken und zementieren will. Das beginnt bekanntlich schon mit scheinbar harmlosen, abfälligen Bemerkungen über Frauen und geht weiter mit alltäglicher Herabwürdigung und Geringschätzung von Menschen weiblichen Geschlechts.
Dazu konnte man schon im BlogBeitrag „Auf Augenhöhe“ vom 21.10.24 Einiges lesen. Es geht hier ganz grundsätzlich um ein Verständnis von „Männlichkeit“, das geprägt ist von Gewalt und von Unterdrückung und Ausbeutung Schwächerer. Es ist übrigens auch kein Zufall, dass in Putins Russland diese Art Männlichkeit wieder propagiert und heroisiert wurde, auch von Putins persönlich (siehe offizielle Fotos: Putin sportlich, mit nacktem Oberkörper reitend, etc.). Es ist kein Zufall, dass bei uns auch die AfD ein solch antiquiertes Männlichkeitsbild wieder aufleben lässt (Krah auf TikTok: „Wenn du ein Mann bist …“ — und dann folgt Macho-Bullshit.) Die AfD ist dafür bekannt, dass sie auf altbekannte Muster baut und damit auf Dummenfang geht (Motto: Das Altvertraute überzeugt die Verunsicherten), dass sie alles Moderne anzweifelt und verächtlich macht, dass sie die Gegenwart schlechtredet und Sehnsucht nach einer „Guten-alten-Zeit“ erzeugen und nutzen will. Das hat sie sich bei der Nazi-Propaganda abgeschaut und bei Trumps Wahlkampfstrategie. So, damit wisst Ihr auch, was Euch blüht, wenn Ihr mit der AfD liebäugelt oder sie gar wählt.

2. Im Wahlkampf meint ein Herr Friedrich Merz, Kanzlerkandidat der CDU, er könne einen Herrn Robert Habeck von den Grünen (derzeit Wirtschaftsminister und Vizekanzler) verächtlich oder gar lächerlich machen, indem er ihn einen Kinderbuchautor nennt. Das ist Habeck unter anderem, aber was Merz meint, ist zumindest in meinen Augen ein fatales Eigentor. Denn es zeigt eine Haltung, die nicht viel für Kinder übrig hat, weder Verständnis noch Aufmerksamkeit. Dies ist eine Haltung, die symptomatisch ist für die offensichtlichen Versäumnisse in diesem Land im Bereich Bildung, insbesondere was die frühkindliche Erziehung und Bildung betrifft. Deutschland zeigt sich als wenig kinderfreundlich, was schon beim Thema „Kitas“ anfängt.

In letzter Zeit spricht sich herum, wie wichtig es sowohl für die Kinder als auch für unser Bildungssystem und (aufgemerkt, Herr Merz und Andere!) für die Wirtschaft und den Wohlstand unseres Landes ist, dass Kinder schon in den Kitas (Kindertagesstätten, früher als Kindergärten bekannt) gefördert werden. Dabei leisten die Erzieherinnen und Erzieher einen sehr wichtigen Beitrag, ihr Auftrag ist nicht bloß Kinder zu verwahren, wie schlecht Informierte glauben, sie unterstützen vielmehr die Persönlichkeitsentwicklung, sie fördern eine Bildung in umfassendem Sinne. Konkret heißt das z.B., dass Kinder lernen, sich in einer Gemeinschaft angemessen zu verhalten, und (ganz wichtig!) mit Anderen verbal und verträglich zu kommunizieren. Das kann eine Kita zu einem großen Teil leisten — wenn sie personell und materiell angemessen ausgestattet ist.

Aber an Letzterem hat es in Deutschland in letzter Zeit an vielen Stellen gemangelt. Und wenn die Kinder in die Schule kommen, erleben sie z.T. wieder Mangelsituationen in personeller wie materieller Hinsicht. Seit der ersten PISA-Studie, also seit gut zwei Jahrzehnten, hören wir Fensterreden von PolitikerInnen, in denen Bildung als ganz wichtig bezeichnet wird. Und dass sie priorisiert werden muss. Das schlug sich bisher aber kaum in realen Auswirkungen nieder. Eher sprachen Fachleute in den letzten Jahren schon von einer Bildungskatastrophe, die auf Deutschland zurollt. Und auch davon, dass dieses Land sich das gar nicht erlauben darf, wenn es nicht international im Wettbewerb zurückfallen soll.

Danke, Herr Merz, dass Sie mich daran erinnert haben: Herr Habeck ist qualifiziert, auch die Bedürfnisse von Kindern in der Politik mit Verstand und Empathie zu berücksichtigen. Wenn mehr PolitikerInnen sich für die Belange von Kindern interessieren, kann dieses Land in der Bildung noch aufholen, und dann kann es langfristig das nötige Bildungsniveau halten bzw. erreichen.

Das nötige Bildungsniveau? Das ist eines nicht nur für Eliten und ein oberes Viertel der Gesellschaft, während ein Großteil nicht richtig schreiben und sinnentnehmend lesen kann. Schon vor etwa 60 Jahren erkannte man auch in Deutschland, dass Wirtschaft und Gesellschaft mehr helle Köpfe brauchen, dass das Begabungs- und Bildungspotential in der Bevölkerung breiter ausgeschöpft werden müsse, um auf mehr gut ausgebildete Menschen zurückgreifen zu können. Das führte damals zu einer Bildungsreform und u.a. der Einführung der Gesamtschule (zunächst als Versuch). Heutzutage kommt es mir so vor, als habe sich eine Akzeptanz von sozialer Schieflage eingeschlichen, als nehme man mangelnde Chancengleichheit im Bildungssystem nicht mehr als Skandal wahr. Wie kann dieser Zustand verbessert werden? Bestimmt nicht dadurch, dass man Bildungsausgaben je nach Kassenlage gestaltet statt mit Weitblick. Zu diesen Ausgaben gehören u.a. Bau und Instandhaltung von Kita- und Schulgebäuden, Bereitstellung des nötigen Fachpersonals, usw.

Es scheint in den Köpfen vieler deutscher PolitikerInnen und Verwaltungsmenschen die seltsame Vorstellung zu herrschen, dass Bildung und Kultur nicht so wichtig seien und ggf. die Ausgaben und Zuschüsse gekürzt und zusammengespart werden können. Hinzu kommt noch die Programmierung vieler PolitikerInnen auf Legislaturperioden und die jeweils nächste Wahl, sodass für sie Themen eine wichtige Rolle spielen, mit denen man Wahlen gewinnen kann. Denn auch WählerInnen vergessen oft, dass Ausgaben für Kinder und Heranwachsende nicht nur diesen zugute kommen, sondern der ganzen Gesellschaft, der Wirtschaft, dem ganzen Land (wie oben erwähnt).

Daher steht auf meinem Wunschzettel, dass mehr Menschen in diesem Land einsehen, wie wichtig ein funktionierendes, ein gutes Bildungssystem ist. Und dass wir da investieren müssen. „Kinder sind unsere Zukunft,“ wird oft nur so dahingesagt. Die Bildung und Ausbildung unserer Kinder ist tatsächlich für die Zukunft des ganzen Landes von Bedeutung. Dazu gehört, dass man Kinder auch gegen Armut absichert, damit sie sich auf das Lernen konzentrieren können. *

W. R.

  • *Ausführlicher dazu siehe „Ist Armut strafbar?“ vom 10.08.2024

Köln-Notizen 3/2016

50„Deutsche Männer können nicht mehr prügeln.“ So ist eine dpa-Meldung im Kölner Stadt-Anzeiger vom 21./22.5.2016 übertitelt. Nanu! Was heißt das denn?
Der Gewaltforscher J. Barberowski wird dort mit der o.g. These zitiert, die er am Beispiel der „Kölner Siivesternacht“ veranschaulicht sieht: Diese Vorgänge (>Köln-Notizen 1/2016) ließen erkennen, dass deutsche Männer ihre Frauen nicht gegen Übergriffe verteidigt hätten – weil „Männer in Deutschland gar nicht mehr wissen, wie man mit Gewalt umgeht.“ Und er meint: „Gott sei Dank.“ Deutsche Männer vertrauen auf den Staat, auch in einer Situation wie in der Silvesternacht. Sie erwarten, dass der Staat aber sein Gewaltmonopol auch wahrnimmt (was bekanntlich in jener Nacht in Köln nicht funktionierte, warum auch immer).
Es ist in der Tat ein Fortschritt, wenn in einem zivilisierten Land die Bürger friedlich zusammenleben und nicht wie im Wilden Westen zu Selbst- und Lynchjustiz greifen. Es ist ein weiterer Fortschritt, wenn die Bürger auch in privaten Auseinandersetzungen nicht gewalttätig werden, wenn sie sich im Griff haben, wenn sie nicht Frust oder schlechte Laune aggressiv an Schwächeren auslassen.
In patriarchalischen, männerdominierten Gesellschaften sieht man oft etwas Anderes: Männer dürfen zu Gewalt greifen, „weil sie nun mal so sind“, sie dürfen auch mal eine Frau vergewaltigen, „weil es mit ihnen durchging“ oder die Frau sie angeblich gereizt hat, usw. In solchen Gesellschaften wird üblicherweise der Mann entschuldigt und das Opfer für erlittene Übergriffe verantwortlich gemacht.
Deutsche Männer haben dazugelernt, und das nicht nur wegen Fortschritten in der Emanzipation der Frauen. Vielmehr ist es ein wichtiges Element demokratischer Gesinnung, Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung zu ächten und nur in Notwehr anzuwenden.
In einer gelebten Demokratie gibt es Regeln, die eine friedliche Diskussion und Auseinandersetzung ermöglichen. Und wer sich ungerecht behandelt sieht, kann sich beschweren oder Gerichte anrufen.

Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Wandel: In der Wirtschaft werden immer weniger Muskelmänner benötigt, aber immer mehr Menschen mit Grips und Nerven, um mit der Digitalisierung der Arbeitswelt und der weitgehend automatisierten Produktion umzugehen. Diese Entwicklung findet schon seit Jahrzehnten statt und ist in den Industrieländern weit fortgeschritten. Trotzdem hinken einige Menschen mental dieser Entwicklung hinterher, z.B. in ihrer Auffassung von den Geschechterrollen. Das trifft umso mehr auf Migranten aus Ländern zu, wo dieser Wandel erst in Gang kommt oder noch gar nicht stattgefunden hat. Für Machos aus solchen Ländern muss es ein Kulturschock sein, dass in unserer Gesellschaft ein Mann nicht automatisch mehr gilt als eine Frau, und dass Männlichkeit hier nicht primär durch Muskeln und Gewaltbereitschaft gezeigt wird. Auch dürfte vielen von ihnen neu sein, dass sexuelle Übergriffe auf Frauen hier Empörung auslösen und nicht hingenommen werden. Ich möchte an dieser Stelle kein bestimmtes Herkunftsland als Beispiel nennen, vielmehr zu bedenken geben, dass es auch immer noch deutsche Männer gibt, die mental mindestens ein halbes Jahrhundert zurückliegen und sich die alten Macho-Zeiten zurückwünschen (weil sie sich nicht anpassen wollen). Im Klartext: Da schlummern immer noch latente Gewaltbereitschaft und Machtgelüste. Denn bei den sexuellen Übergriffen geht es nicht um Sex, sondern um Machtausübung. Dabei suchen sich schwache Männer noch schwächere Menschen aus, um sich einmal überlegen zu fühlen. Die psychologische Seite ist ziemlich klar und durchsichtig.

Die oben benannte Entwicklung in der Wirtschaft fordert von immer mehr Beschäftigten, dass sie teamfähig sind, und besonders von Personen in leitenden Funktionen, dass sie über „soft skills“ verfügen. Das heißt, man erwartet von diesen Arbeitnehmern Fähigkeiten im Umgang mit Menschen, man erwartet Kommunikationsbereitschaft und flexibles Eingehen auf Probleme und Konflikte mit oder unter MitarbeiterInnen. Man fasst das unter dem Begriff „soziale Kompetenzen“ zusammen.

Der Chef „alter Schule“, der kommandiert und den Chef ‚raushängen lässt, ist out. Man liest sogar in einschlägigen Zeitungsartikeln, dass Probleme in den Betrieben oft hausgemacht sind und vom Führungspersonal verursacht werden, wenn es z.B. um mangelnde Motivation und hohe Krankenstände in der Belegschaft geht.

Die Unterhaltungsindustrie, speziell die Filmproduktion, bedient immer noch reichlich das nostalgische Interesse an der guten(?) alten Zeit, als (angeblich) Männer noch Männer waren, und sie versucht, in vielen Filmen moderne Helden oder Supermänner zu kreieren, die mit modernster Technik, vor allem Waffentechnik, umgehen, in ihrem Handeln aber von antiquierten Vorstellungen und Idealen geleitet werden. Das gilt besonders für viele Computerspiele. Bedenklich wird es, wenn solche Film- oder Ballerspiel-Helden jungen Männern als Identifikationsfiguren dienen, noch bedenklicher, wenn das ihre aus Frust und Unsicherheit geborene Gewaltbereitschaft verstärkt, wenn sie zunehmend Gewalt als „normales“ Mittel der Auseinandersetzung verstehen und Gelegenheiten suchen, wo ihnen Gewalttätigkeit Bestätigung und Männlichkeit zu geben scheint.

Wir brauchen hier nicht erst auf die Krawalle von Hooligans bei Fußballspielen zu verweisen. Aggressivität kann sich, besonders unter Alkoholeinfluss, überall Bahn brechen. Das lässt sich nicht ganz aus der Welt schaffen. Aber wir sollten entschieden dem Eindruck entgegentreten, dass Gewalttätigkeit toleriert werden könnte. Und wir sollten entschieden widersprechen, wenn gewalttätige Menschen ihr Verhalten als normal bezeichnen, sich gar als Vorbilder hinstellen. Es ist in der Tat nicht schlimm, wenn deutsche Männer nicht mehr prügeln können, wie es in der oben zitierten Meldung hieß. Es muss aber klar sein, dass im Zweifel Polizei etc. das Gewaltmonopol haben und, wenn nötig, auch ausüben.  Der Schutz der Bevölkerung vor Gewalt und sonstiger Kriminalität ist eine staatliche Aufgabe.

Und es muss klar sein, dass in unserer Gesellschaft keine Unterdrückung toleriert wird, weder im privaten Bereich noch im öffentlichen.

W. R.

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