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Wir sind alle Grönländer

Eigentlich wollen wir zum Thema „Trump“ schon gar nichts mehr hören, weil uns sein Auftreten in den Nachrichten inzwischen nur noch nervt und Manchen total zuwider ist. Aber hier auf fu-frechen. de wollen wir trotzdem immer noch versuchen, die Welt tiefer zu begreifen und da, wo es möglich ist, sinnvoll mitzugestalten. Darum stellen wir hier noch einmal ein paar Dinge klar:

1. Man muss es einmal klar und deutlich benennen: Donald Trumps Verhalten in Sachen Grönland ist eine grobe Unverschämtheit. Es ist nicht damit getan, die Achseln zu zucken und zu sagen: So isser eben, der Trump. Nein, er ist kein Privatmann oder Geschäftsmann, er hat ein Amt zu führen und damit eine immens große Verantwortung. Darum kann er nicht einfach seine persönlichen Vorlieben und Marotten in die große Politik einführen und so tun, als sei das allein seine Privatsache oder „eben sein Stil“. Sein Stil der Falschbehauptungen, der Faust auf dem Tisch, der Dohungen und Erpressungen ist einfach unpassend für dieses Amt. Er gehört da nicht hin, wenn er unfähig ist, die Regeln des internationalen Umgangs und der Diplomatie zu respektieren. Vor allem kann er so nicht ein Land repräsentieren, das als Demokratie gilt.

2. Trumps weltpolitische Grundausrichtung ist, unabhängig von seiner Person, ein Thema der US-Außenpolitik schon seit Jahren: China wird zum globalen Rivalen, die USA wollen sich stärker auf den Großraum Indo-Pazifik konzentrieren. Das ist also nicht neu. Und wir wissen auch, dass schon seit Präsident Obama immer wieder an Europa appelliert wurde, sich verstärkt um die eigene Verteidigung zu kümmern und sich nicht voll auf die USA zu stützen. Daher gab es schon vor Trump die Forderung, Nato-Verbündete in Europa sollten ihre Etats für ihr Militär erhöhen. Doch die Angesprochenen hörten gern weg, die meisten glaubten, sie könnten die „Friedensdividende“ (seit 1990) weiter einstreichen und ihr Militär zusammensparen. Für die atomare Abschreckung sorgten ja ohnehin die USA. Man erwartete weiterhin, dass die westliche Führungsmacht ein starkes Militär unterhalte, Schutzmacht für Europa bleibe und im Zweifel den Weltpolizisten spiele.

Deutsches Militär beteiligte sich zwar an mehreren Auslandseinsätzen, spielte dabei aber keine tragende Rolle (am ehesten vielleicht noch in Mali). In Afghanistan waren die Soldaten der Bundeswehr in vieler Hinsicht von den US-Streitkräften abhängig und galten in Deutschland auch eher als Brunnenbauer für die armen Dörfer denn als wirksame Bekämpfer der Taliban oder terroristischer Splittergruppen. Das beruhigte die weithin pazifistisch gesinnte deutsche Bevölkerung. Noch konnte man bei uns die Abschaffung („Aussetzung“) der Wehrpflicht und die Vernachlässigung der Verteidigungsausgaben begründen.

Damit ist es vorbei, seit klar wurde: Unser Großlieferant für günstiges Gas führt uns hinters Licht, er ist weder ein Freund des bestehenden politischen Sicherheitssystems noch der Selbstbestimmung der Völker. Und er holt sich mit Gewalt, was er will — wenn man ihn lässt. Dabei nimmt er null Rücksicht auf Menschen; seine Kriegführung schont weder Zivilisten noch lebensnotwendige Infrastruktur, ja nicht einmal seine eigenen Soldaten. Gewalt und Folter sind für ihn offenbar ganz normale Mittel der Durchsetzung. So hat er es während seiner Geheimdienstkarriere gelernt, und so wendet er sie an.

In dem Moment, wo Europa und Teile der deutschen Regierung immer noch zögern, die angegriffene Ukraine mit vollem Einsatz zu unterstützen, tritt der worst case ein: Trump wird erneut Präsident der USA. Nun rächt sich, dass man versäumt hat, Putin militärisch konsequenter entgegenzutreten. Trumps sofortige Kehrtwende in der Russland-Politik, seine Anbiederung an Putin in der Annahme, so zu dem von ihm angekündigten schnellen Friedensschluss in der Ukraine zu kommen, wirft strategisch viele Puzzle-Teile durcheinander. So schnell wie nötig können sich die europäischen Regierungen gar nicht auf ein gemeinsames Konzept einigen, geschweige denn, es zeitnah umsetzen.

3. Mal abgesehen von den laufenden Irritationen durch Trumps sprunghafte, oft unberechenbare Entscheidungen muss man den Blick auch auf die ideologische Ausrichtung Trumps und seiner Regierungsmannschaft richten. Was da im Inneren der USA wie in den Beziehungen zu Nachbarstaaten und Nato-Verbündeten abgeht, hat eine zutiefst verstörende Qualität, mehr noch: eine zerstörerische Zielsetzung. Trump hat nur treue Gefolgsleute an seine Seite geholt, ihre Qualifikation für das Amt und seine Aufgaben war nebensächlich. Die ideologische Ausrichtung wird geprägt von erzkonservativen, teils faschistoiden Vorstellungen von Staat und Gesellschaft. Schon lange haben rechtsgerichtete Leute in den Thinktanks am Konzept gefeilt, das für den Fall erneuter Trump-Amtszeit mit Macht umzusetzen sei. Schon lange betrieben rechtsgerichtete Fortschritts-Feinde in den USA eine Kampagne zur Verteufelung aller modernen Gesellschafts-Ideen, sie bekämpften liberale Abtreibungsgesetze, zogen gegen Gleichstellung der Geschlechter, der Hautfarben, der Menschen überhaupt zu Felde. Sie propagierten die Rückkehr zu überholten Vorstellungen von Geschlechterrollen, sie priesen antiquierte Männlichkeitsideale vom „starken (und gewaltbereiten) Mann“, sie leugneten die naturgegebene Vielfalt der Geschlechter und der sexuellen Orientierungen zugunsten eines rigiden Mann-Frau-Schemas. Dabei mischten auch streng-religiöse Evangelikale mit, die alles in der Bibel Geschriebene wörtlich nehmen und als Gottes Willen verstehen wollen. (An anderer Stelle* war schon zu lesen, dass solches Denken zu autoritär-rückwärtsgewandten Einstellungen führt und modernen Staaten nicht kompatibel ist, schon gar nicht einer Demokratie.)

Diese ideologische Rolle rückwärts wollen Trump und seine Mittäter nicht nur in den USA vollziehen, sondern möglichst überall in der Welt, wo sie Einfluss nehmen können. Beispiel: >Europäische Firmen sollen Trumps Anti-Diversitäts-Linie folgen – DER SPIEGEL Also aufgepasst: Trump und sein Gefolge sind eine Gefahr für die Menschheit, sofern die Menschen sich nicht einer Knute beugen, sondern ihre persönliche Freiheit verteidigen wollen. Was wir schon in den USA sehen, wollen diese Trump-Follower der ganzen Welt aufdrücken, und wo sie können, aufzwingen. Da sind sie sich übrigens mit dem Putin-Regime ziemlich einig.

Es ist mehr als nachvollziehbar, dass weder Grönländer noch Kanadier unter einem solchen Regime leben wollen! Und daher, liebe Freundinnen und Freunde der Menschenrechte und der Demokratie, sind wir auch Grönländer! Oder Kanadier, oder die Vielen in den USA, die mit der geistigen Verarmung eines Rückschritts ins 19. Jahrhundert nicht einverstanden sind! Denn Viele erkennen: Die wahre Agenda von Trump und seinen Komplizen ist das genaue Gegenteil seines Slogans „Make America great again.“

W. R.

* siehe Unterseite Höheres

Nachtrag am 02.04.2025: Um ihrem Ziel näher zu kommen und alle Andersdenkenden zu verwirren, haben die rechten Verschwörer sich dahin abgesprochen, jede Menge Fake News und Verschwörungsfantasien in die Welt zu setzen. Was wahr ist, soll nicht mehr klar sein, sie säen Zweifel und Misstrauen, ersetzen Fakten durch Falschbehauptungen und wollen ihre eigenen Fakes als geglaubte Wahrheit etablieren. Glaubt Ihr nicht? Habt Ihr noch Bohnen in den Ohren? Oder habt Ihr gedacht, „1984“ von George Orwell sei nur eine harmlose, frei fantasierte Erzählung?

Gerade kündigen mehrere namhafte Historiker, die besonders zum Faschismus forschen, ihre Stellen an renommierten Universitäten und verlassen die USA. Das spricht für sich. Denn die Trump-Bande hat die geistige Elite zu ihrem Feind erklärt. Was sie gar nicht braucht, sind kritische DenkerInnen. Wie schon die Regierungsmannschaft, so soll auch das Land auf Linie gebracht werden.

Zusatz am 03.04.25: Trump nervt weiter und haut der ganzen Welt einen Rundumschlag von Zöllen um die Ohren. Wirtschafts-Fachleute schütteln nur noch den Kopf, sowohl über Trumps Begründungen als auch über die zu erwartenden Folgen auch für die USA. Aber Zölle waren ja schon lange Trumps Lieblingsspielzeug, wohl weil ihm irgendwer vor etlichen Jahren eingeflüstert hat, damit könnte er sich als großer Macher und Weltpolitiker in Szene setzen. Dabei scheint er nicht einmal abschätzen zu können, was er damit anrichtet. Aber ihn interessiert erst einmal die große Show mit seinem Zoll-Paukenschlag. Morgen oder übermorgen haut er wohl schon den nächsten Klops raus, um die Welt zu schocken.

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Eine Lektion „Newspeak“

Wollt Ihr mal wissen, wie Unterdrückung konkret aussieht? Habt Ihr genug von alten Geschichten aus dem Geschichtsbuch? Wollt Ihr wissen, wie das heute abgeht? Dann schaut euch an, was in der Türkei läuft: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/tuerkei-recep-tayyip-erdogan-will-wissenschaftler-in-deutschland-anklagen-a-1175459.html

Warum wird da überhaupt diese „Terroristen“-Show veranstaltet? Weil Erdogan, seit er sich im Bündnis mit Gülen in den Sattel geschwungen hat, die Konkurrenz ausschalten und Alleinherrscher sein will. Erdogans Kampf gegen Leute mit anderen Meinungen fing schon lange vor dem gescheiterten Putsch (Juli 2016) an. Danach ließ er die Maske ganz fallen und entließ eine Menge Kriminelle aus den Gefängnissen, weil er seine vielen politischen Gefangenen sonst nicht mehr hätte unterbringen können.

Wie man schon in Orwells „1984“ lesen konnte, wird auf dem Weg in die Diktatur auch „Newspeak“ eingeführt: So sind alle, die anderer Meinung als der Große Bruder sind, Staatsfeinde und Terroristen. Das ist also gar nicht originell. (Orwell hatte vor allen die Regime Hitlers und Stalins als Beispiele vor Augen.) In den letzten Jahren ist rund um den Globus die Bezeichnung „Terroristen“ zum Lieblingswort der Diktatoren geworden, um damit Andersdenkende zu kriminalisieren.

Was sagt denn so ein Wort noch aus, das inflationär gebraucht wird? Aus dem Munde gewaltbereiter Diktatoren klingt das ja fast schon wie ein Lob für ihre Gegner, zumindest zeigt es, dass sie diese Gegner fürchten. Erdogan hat fleißig darauf hin gearbeitet, alle „Terroristen“ in den Medien mundtot zu machen, viele sitzen in Haft (Neuer Straftatbestand: „Terrorpropaganda“ — schwammig und sehr dehnbar).

Gleichzeitig behauptet er, die Türkei sei „ein demokratisches Land“ — „Newspeak“ eben. Was er sonst an grotesken Behauptungen hinausschreit, konnte man z.B. im Blog-Eintrag „Drah di net um“ vom 24.3.2017 lesen. Im Zweifel kann man im Voraus erwarten: Alles, was Erdogan nicht passt, ist eine „Verschwörung des Auslandes gegen die Türkei.“ Aber sicher doch, Kritik an Erdogans Alleinherrschaft wird den Türken als Feindschaft gegen die Türkei verkauft, um die Solidarität der Bevölkerung mit ihrem Sultan einzufordern. Auch das ist ein alter Hut.

Noch nicht schlapp gelacht? Dann lies mal das hier: (2) Verschwörungstheorie in der Türkei: Geheimbotschaften in der Jeanshose – Politik – Tagesspiegel

Man könnte (siehe den o.g. Blog-Eintrag) das Gebaren Erdogans und seiner Regierung  nur noch als Realsatire verstehen und darüber lachen — wenn er es nicht todernst meinte. Man könnte sich zurücklehnen und sarkastisch sagen: Gut, dass Erdogan die Armee durch seine „Säuberungen“ geschwächt hat, das nützt immerhin den Kurden im Irak und in Syrien. Auch Stalin hatte seine Armee „geköpft“ — und wurde dann von Hitlers „Russlandfeldzug“ zunächst überrollt. Solche Egoshooter stellen eben die Sicherung ihrer persönlichen Macht über alles Andere.

Und wieso gibt es schon wieder so viele trollige Regierungschefs in der Welt? Wieso können Superreiche ihre Milliarden ungestört an Steuerforderungen vorbei in Oasen schieben? Seit Veröffentlichung der Panama-Papers und Paradise-Papers kann das niemand mehr leugnen. Hängt da vielleicht Manches miteinander zusammen? Das mutmaßt z.B. dieser Kommentar: Rechtsruck der Welt: Macht! Macht! Macht! – Kolumne – SPIEGEL ONLINE

Manche Milliardäre haben, wie wir gesehen haben, wirklich Macht und dabei die Bosheit, ihre privaten Anliegen gegen das Allgemeinwohl durchzusetzen — ich erinnere nur an die Anti-EU-Kampagne des Pressezars Rupert Murdoch in Großbritannien. Er hat großen Anteil am Ausgang des Referendums für den Brexit. Und er trieb (zusammen mit Anderen) genug Stimmvieh zusammen, um das Land in die Bredouille zu stürzen.

Donald Trump will in den USA Steuererleichterungen für Großverdiener durchsetzen. Ist sicher Zufall, dass er selbst davon profitieren würde, oder? Seine Steuererklärung sollen die Leute auch nicht sehen. Das ist die Arroganz der Egomanen an der Macht. Sie machen sich kaum die Mühe, ihren unverfrorenen Egoismus zu verschleiern. Das geht bald ganz ohne „Newspeak“, weil die meisten Leute verlernen, genau und kritisch hinzuhören und sich dabei etwas zu denken. Weil sie lieber auf einfache, gängige Slogans hören, an die sie durch ständige Werbe-Berieselung gewöhnt sind (und die Selberdenken überflüssig machen).

W. R.